Sag ja keinem, dass ich gerne zocke

Sonntag, 18. 12. 2011 - 16:00 Uhr in Kolumne

Controller Konsole Gamepad ShowcaseVor kurzem ist mir etwas sehr merkwürdiges passiert, das mich zum Nachdenken gebracht hat. Meine Freundin und ich waren auf einer Feier mit ungefähr 15 Leuten und haben uns dort alle recht nett über unsere Arbeit oder Ausbildung unterhalten. Mit der Zeit sind die Themen dann in etwas leichtere Kost abgedriftet, neue Filme, Musik und was sonst noch so dazugehört. Irgendwann kamen wir dann auch auf Videospiele zu sprechen. Und dabei wurde es dann merkwürdig.

Ich zocke nun schon seit über 20 Jahren leidenschaftlich PC- und Konsolenspiele. Es ist zwar mit der Zeit etwas weniger geworden, aber die Leidenschaft ist nach wie vor da. Bei dieser Feier ist einer meiner Freunde anwesend gewesen, der ähnlich wie ich, auch schon ewig zockt. Er gehört vielleicht sogar zu denen, die etwas mehr zocken als eigentlich gut für sie ist. Demnach lag es natürlich nahe, ihn mal nach seiner Meinung zu einem aktuellen Spiel zu fragen.

Doch mehr als ein kurzes „Ja ist schon recht geil“ konnte ich ihm dann aber seltsamerweise nicht entlocken. Ganz im Gegenteil, er hatte dann recht schnell, als ob man ihn bei etwas verrufenem erwischt hätte, das Gesprächsthema gewechselt. Und das, obwohl er sehr lange auf dieses Spiel gewartet und es dann auch Tag ein Tag aus mit einer riesen Hingabe gezockt hatte. Da wir ja beide Zockah sind, hätte ich eigentlich erwartet, mich ein wenig mit ihm über dieses Spiel unterhalten zu können. Aber es schien ganz so, als sei es ihm unangenehm in Gesellschaft anderer Leute über Videospiele zu sprechen.

Und da war es dann wieder, dieses unangenehme Wissen darum, dass Videospiele nach all den Jahren und all der Kohle, die dieser Industriezweig jährlich einbringt, nach wie vor als infantile Spielzeuge angesehen werden. Und das, obwohl Titel wie Call of Duty: Modern Warfare 3, Assassins Creed oder The Elder Scrolls 5: Skyrim mit Absatzzahlen auftrumpfen können, von denen andere Branchen nicht einmal zu träumen wagen. Doch das nur so nebenbei. Das eigentliche Problem, dass ich mit der ganzen Sache habe, ist die Tatsache, dass sich die allgemeine Sicht auf Video- und Computerspiele in der Gesellschaft immer noch nicht so recht geändert hat.

Dabei arbeiten unglaublich viele großartige Talente an einem Spiel, um es zu etwas Besonderem zu machen. Künstler wie Peter Lee, der durch seine Zeichnungen für World Of Warcraft Welten erschaffen hat, die ihres Gleichen suchen. Komponisten, wie Jeremy Soule hauen uns Klangwelten um die Ohren, die so manchen Hollywoodstreifen in den Schatten stellen. Renommierte Schauspieler leihen den Figuren ihre Stimmen, um ihnen Leben einzuhauchen. Und doch scheint es der Gesellschaft unglaublich schwer zu fallen, zumindest bestimmte Spiele als Kunst anzuerkennen.

Sicher ist nicht jedes Spiel ein grandioses Kunstwerk. Es gibt es auch mehr als genug Ausschussware bei der man sich fragt, wie es möglich sein kann, dass so was das Licht der Welt erblickt.

Mir würden doch glatt die Augen aus dem Kopf plumpsen, wenn ich abends die Nachrichten anschalte und Marcel Reich Ranicki in seiner kauzigen Art und Weise Vergleiche zwischen den Bildern von Thomas Kinkade und dem Einsatz von Licht in Trine 2 ziehen würde. Oder aber die verschiedenen emotionalen Ebenen von Limbo und Braid und deren Zusammenspiel von Darstellung und Musik besprechen würde. Doch die Realität sieht leider etwas anders aus.

Die einzigen großen Momente im Scheinwerferlicht bekommen Spiele doch meist nur, wenn wieder mal ein frustrierter Mensch der Meinung gewesen ist, seine Schwester oder auch gleich seine ganze Familie in kleine mundgerechte Stücke zu zerschneiden und irgendwo vergraben zu müssen. Denn sollte die Polizei dann bei ihm auch nur den Hauch eines Videospiels auf dem PC oder in der Konsole finden, wird es zu 90 Prozent ein Ego-Shooter sein, auf den sich die Presse stürzt und knallhart behauptet, dass es die Quelle allen Übels sei. Und von den anderen Spielen, die in irgendeiner Ecke der Festplatte schlummern und nur darauf warten ihre liebevoll gestaltete und emotionale Geschichte oder ihr kniffliges Puzzles preiszugeben, redet niemand.

Natürlich haben Videospiele ihre negativen Seiten. Suchtpotenzial, Vernachlässigung vom wirklichen Leben etc.. Das sind alles Dinge, die in unserer Hand liegen und die wir ändern können und auch müssen. Wir als Community sind das Spiegelbild unserer Leidenschaft. Unser Verhalten und unser Auftreten bestimmt die Sicht der Gesellschaft auf Spiele. Wenn wir es schaffen, unser Medium würdevoll zu repräsentieren und mit ganzem Herzen hinter ihm stehen, haben wir eine gute Chance, dass Videospiele irgendwann, als das anerkannt werden, was sie sind. Nämlich ein wundervolles Medium, das es uns ermöglicht in Welten einzutauchen und Geschichten zu erleben, die in dieser Art und Weise in keiner anderen Form möglich sind. Denn in keinem anderen Medium arbeiten so viele Künstler verschiedenster Richtungen zusammen wie hier. Dadurch können sie uns auf verschiedenste Arten ängstigen, glücklich machen, bilden, zum Nachdenken bringen und noch vieles mehr. Ähnlich wie Bücher, Musik oder Filme. Und das, obwohl auch diese Medien in der Vergangenheit mit einer Unmenge an Vorurteilen zu kämpfen hatten und es bis heute noch tun müssen.

So…jetzt aber fix zurück zu Left 4 Dead 2, um Zombies in mundgerechte Stücke zu zerschnippeln. Öhm…ich meine natürlich…ach was soll’s.

Bis zum nächsten Mal ;)

Neu: EUR 31,58   Gebraucht: EUR 26,66

Durchschnittswertung:

4.7 von 5 Sternen
Release Datum: 2011-03-02