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Realismus ist eben schwierig

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Spiele sind ein Massenphänomen

Wisst ihr, ich bin ein Gamer der ersten Stunde und von Anfang an interessiere ich mich für das Medium als solches, ohne mich starr auf irgendwelche Genres zu begrenzen. Action macht Spaß, Shooter können aufregend sein, Adventures fordern meist den Kopf und so weiter und sofort. Wenn ein Spiel gut gemacht ist, bin ich gerne dabei. Doch die meisten Spiele sind nicht mehr gut gemacht. Das mag ein wenig an unserer Zeit liegen, wo die Entwicklung teuer und das Risiko groß ist, doch es liegt auch daran, dass Spiele immer mehr zum Massenphänomen geworden sind. Sie sollen jedem gefallen, egal wie alt, wie talentiert oder begabt er auch ist. Adventures wurden so immer mehr zur Durchklick-Orgie ohne Anspruch, Shooter zu 0815 Actionfilmen. Actionspiele dagegen sind heute fast alle Open World, doch das macht sie nicht besser, sie wurden zu ungepflegten Sandkästen. Warum das bei Mafia 3 in die Hose ging und warum Mafia 3 ein schönes Beispiel dafür ist, das alles mit Anspruch und Realismus schwierig geworden ist, soll dieser Artikel verdeutlichen.

Der absolut notwendige GTA-Vergleich

Wenn wir von solch bunten Sandkästen reden, reden wir auch immer von der Videospielreihe Grand Theft Auto. Von Anfang an setzte der Entwickler Rockstar Games auf Humor und abgedrehte Kurz-Missionen. Sterotypen von Verbrechern, als Satire ins Lächerliche gezogen. Ein Held der auf Knopfdruck furzt, Schimpftiraden und irre Charaktere. Das macht Spaß, das ist okay, das ist Satire, sagen viele. Die Wahrheit aber ist doch, dass es relativ anspruchslos umgesetzt ist. Die Wahrheit ist doch, dass du bei so einer großen, detaillierten Welt, gar keine Zeit und gar kein Geld mehr hast, um eine Kinoreife, realistische Geschichte zu erzählen. Statt sich also mit glaubhaften Charakteren, Storys und Entwicklungen der jeweiligen Protagonisten zu befassen, galt GTA immer nur als offenes Actionspiel, als Spektakel mit allerlei nett umgesetzter Features, als das Spiel, indem du Chaos verursacht, weil Chaos in diesem Fall Spielspaß ist. Im Grunde raste man also mit dem Auto immer nur durch die Stadt, machte Quatsch und konnte das auch wunderbar mit Freunden erleben. Egal ob zu zweit vor der Konsole, oder neuerdings per Internet in GTA Online. Alles schön und gut, nur eben relativ anspruchslos. Für sich genommen nicht mehr als ein Spielplatz voller Möglichkeiten.

Mafia war immer das ernste Gegenteil

Das genaue Gegenteil davon war Mafia. Für mich war Mafia immer das bessere GTA. Es hatte mehr Stil, mehr Charaktere, mehr einzigartige Momente und einen realistischeren Look. Natürlich setzte es ebenfalls auf Klischees, aber glaubwürdiger und filmisch umgesetzt eben. Mafia 2 ging dann noch mehr in Richtung Story und weniger in Open World, aber das war okay, es funktionierte durchaus und hatte seine starken Momente. Mafia 3 ist nun seit einiger Zeit erschienen und Mafia 3 zeigt was allseits offensichtlich ist. Realismus ist schwierig geworden. Realismus und glaubwürdige Charaktere, erfordern mehr Talent, als für einfache Abziehbilder notwendig ist. Gleiches gilt für Texturen, Effekte und allgemein die Grafik,  denn Realismus erzeugst du nicht mit bunten Texturen auf dem Boden. Für Realismus musst du dich mehr anstrengen, für eine realistische Optik sind viele Shader, Details und Feinheiten von nöten. Alles Dinge die viel Geld kosten, alles Ding die heute nur noch schwer realisierbar sind. Und genau daran scheitert Mafia 3 auch, denn Mafia 3 schafft nicht mehr das was die Vorgänger schafften, nämlich ein glaubwürdiges, ernstes, Mafia-Szenario aufzubauen. Mafia 3 hat tolle Ansätze in Sachen Erzählung, versumpft aber zu schnell in spielerischer Belanglosigkeit und einigen sehr unlogischen, oder einfach zu übertriebenen Story-Momenten. Weil es versucht mehr zu sein und weil genau dafür Zeit, Geld und/oder Talent gefehlt haben. Realismus ist eben schwierig.

Family Guy im Vergleich mit American Dad

Nun ist es ja so, dass ich gerne mal Motze. Aber ist das bei Mafia 3 nun wirklich angebracht? Zeigt das Spiel nicht vielmehr, dass man realistische, ernsthafte Szenarien, eben nicht am laufenden Band entwickeln und kreieren kann? Das ernsthafte Videospiele so gar nicht mehr in die Zeit und die aktuellen Produktionsprozesse passen? Zeigt Mafia 3 nicht eindeutig, dass es für ein glaubwürdiges, ernstes, realistisches Mafiaspiel eben mehr braucht als altbekannte 0815-Mechanismen, die mit Zwischensequenzen und guter Musik immer wieder krampfhaft in Szene gesetzt werden sollen? Genau so ist es doch, wie ich finde. Mafia 3 zeigt, dass unsere Zeit nur noch den GTA-Wahnsinn verkraftet. Grand Theft Auto, das bedeutet als Satire getarnte Belanglosigkeit, die nur funktioniert weil das Ab-18-Spiel viele Teenager anzieht, durch die offene Welt so viel eigenständigen Spaß mitbringt und so die Story, die bekloppten Charaktere, die vorgetäuschte Satire vergessen lässt. Denn auch wenn hier und da durchaus noch etwas Satire (um nicht zu sagen platte Späße) zu spüren ist – GTA ist längst nicht mehr ernsthaft kritisch, nicht mehr intelligent komisch, es ist eine Aneinanderreihung von Bullshit. GTA und Mafia, das ist wie Family Guy im Vergleich zu American Dad.

Die Marke Mafia ist komplett gescheitert

Mafia 3 hat also gezeigt, dass es heutzutage sehr schwer ist ernst zu sein. Selbst große Entwickler wie Rockstar haben es nie geschafft, selbst wenn sie es versuchten, wirklich ernste, glaubwürdige Geschichten zu erzählen. Alles driftete immer in Klischees ab oder holte zum Actionfilm aus, doch das ist nicht weiter schlimm, weil es Spaß machte und funktionierte. Es ist in diesem Fall aber schlimm, weil Mafia 3 nun so unbarmherzig offenlegt, dass Realismus, Story und all diese ernsten, echten Themen, unglaublich schwierig umzusetzen sind. Selbst wenn sie sich in einem Klischee-Bereich wie der Mafia befinden. So schwierig, dass die Entwickler einfach zwangsläufig scheiterten. Okay, das Budget war sicherlich auch ein wenig daran schuld, denn eigentlich hätte es Mafia verdient das andere, das ernstere GTA zu sein. Eigentlich täte 2K gut daran, mit Mafia ein ernstes, anspruchsvolles Open-Word-Spiel zu veröffentlichen, welches getaktet einige Jahre nach GTA erscheint, also während alle auf die Fortsetzung des abgedrehten Sandkastens warten. Doch eigentlich ist die Rechtfertigung Schwachsinn, denn dazu scheint es nicht mehr zu kommen. Seit dem ersten Teil wurde verkannt, was die Reihe eigentlich ausmachte. Es wurde ignoriert, auf massentauglichkeit getrimmt und scheiterte als solches nun mit dem dritten Teil einer Reihe, die besser keine Reihe geworden wäre.

Videospiele schaffen es einfach nicht

Mafia 3 müsste eigentlich das Ende der Serie darstellen, denn ein Mafia 4 müsste sich schon komplett neu erfinden, um wieder zu funktionieren. Der Plan, ein stumpfes Actionspiel auf Basis der moderneren Mafia aufzubauen, war zum scheitern verurteilt. Spielerisch belanglos, Story technisch schnell zu öde und ein schwarzer in der Mafia – das passt einfach nicht, Rassismus hin oder her. Auch ist das Spiel zu modern, denn es steht nicht mehr für alles was die typischen Mafia-Zeiten ausmachte. Es wirkt an vielen Stellen also aufgesetzt und unterm Strich bleibt einfach die Erkenntnis, dass Realismus, Ernsthaftigkeit und starke Charaktere, immer noch viel schwieriger sind als es scheint. Immer noch ist die Spielebranche in diesem Bereich weit, weit hinter Film und Serien zurück. Immer noch schafft es ein Entwickler nicht, glaubwürdige, wirklich erinnerungswürdige Charaktere zu erzeugen, mit Dialogen die mehr sind als aneinandergereite Klischees. Warum eigentlich nicht?