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Groß, größer, Elex. Aber die Animationen sind immer noch scheiße.


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Elex, Elmex, was?

Ein Spruch machte in den letzten Monaten immer wieder die Runde und zwar »Morgens Aronal, abends Elex«. Kein Wunder, denn wer sein Spiel quasi nach einer Zahnpasta benennt, braucht sich nicht darüber aufregen, wenn auch andere auf diesen Vergleich kommen und sich lustig darüber machen. Elex ist aber keine Zahnpasta, sondern das neue Spiel von Piranha Bytes, dem kleinen deutschen Studio aus Essen, die seit Gothic gefühlt nichts anderes mehr programmieren. Sagen zumindest böse Zungen. Ich sage das auch, denn tatsächlich ist Elex mehr Gothic als alle anderen Spiele von Piranha Bytes und vor allem ist Elex mal wieder ein richtig gutes Rollenspiel geworden. Zumindest wenn man Abstriche machen kann und nicht auf jedes Detail wert legt. Genau darum soll es in diesem Artikel gehen, denn wiedereinmal hat Piranha Bytes sämtliche Kritik konsequent ingoriert und wieder einmal wurde Gothic lediglich in ein neues Gewand gepresst, ohne dabei auf die Mode unserer Zeit zu achten. Und so ist Elex ein bisschen so wie ein Foto aus den 90er Jahren, auf dem alle irgendwie scheiße aussehen. Aber die Erinnerung sagt einem trotzdem, dass das damals schon eine verdammt coole Zeit war.

Einstieg aus der Hölle

Piranha Bytes hat ein großes Problem, denn sie können keine Spieleinstiege entwickeln. Sei es nun der namenlose Held, der Gestrandete in Risen – eine richtige Backstory oder gar Spannung, gibt es einfach nicht. In jedem Spiel von Piranha Bytes ist es mir deshalb auch erst einmal ziemlich egal, wer oder was ich bin, den Charakter forme ich mir schließlich irgendwie selbst zusammen, durch Attribute und Dialogoptionen. Schon lustig, denn gerade bei Elex wollte Piranha Bytes doch eigentlich mal eine echte Geschichte erzählen. Dumm nur, dass das total in die Hose geht und zwar von Anfang an. Wo der Einstieg zunächst noch mit Anspielungen auf Gothic punkten kann und Fans Herzrasen beschert, verfliegt dieser Bonus schnell. Was bleibt ist ein nicht nachvollziehbares Handeln der Figur und stumpfe Dialoge, die einem auf Krampf erzählen wollen, was in der Welt eigentlich vor sich geht. Nichts davon erlebe ich am Anfang wirklich, sondern bekomme es eingeprägt, nein regelrecht eingehämmert. Das Problem dabei ist, dass die Dialoge einfach nicht sonderlich gut geschrieben oder vertont sind. So funktioniert das heute einfach nicht mehr und schon sind wir erneut bei Gothic gelandet, denn weiterenwickelt hat sich gefühlt gar nichts. Nur ich, der mittlerweile viel mehr gewohnt ist.

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Karikaturen und altbackene Gespräche

Die Gespräche sind wirklich wie aus einer anderen Zeit. Sie ingorieren alles, was wir von Videospielen gewohnt sind und selbst die Sprecher wirken überspitzt, so als seien sie Karikaturen ihrer selbst, als stehe da eine Eben dazwischen, die sich über all das stumpfe und aufgesetzte Verhalten lustig macht. Natürlich funktioniert das für einen Moment, doch sehr schnell wirken viele der Dialoge als kämen sie mit dem Holzhammer um die Ecke Als müssten sie dem Spieler jetzt unbedingt eine Information einprügeln. Vor allem aber sind die Dialoge viel zu lang und langweilig ausgefallen. Direkt zu Beginn kann man zwar durchaus auf alles pfeifen, aber irgendwie auch nicht und so hänge ich eine Ewigkeit im ersten Gebiet herum, um mir das Geplapper der noch recht blassen Charaktere anzuhören. Blasse Charaktere in einem Spiel von Piranha Bytes? Ja, denn nur weil jemand eine derbe Sprache verwendet, wird er damit nicht automatisch interessanter. Piranha Bytes hat es verpasst, sich im Bereich Charakterzeichnung fortzubilden. Die Dialoge sind bei Gothic stehengeblieben, ohne sich verbessert oder qualitativ angepasst zu haben. Immer noch dieselben platten Sprüche, die beim siebten Mal aber leider einfach nicht mehr lustig sind. Hier kommt keine Stimmung auf, zumindest nicht wenn ihr älter als vierzehn seid. Davor könnte der derbe Charme vielleicht noch funktionieren, danach sind wir inzwischen Emotionen und Wandelbarkeit gewohnt. Das ist nur leider nichts, was Elex bieten kann. Elex ist wie der erste Teil von Tomb Raider. Dicke Titten, eine stöhnende Lara, mehr gibt es da nicht. Doch Tomb Raider hat sich eben weiterentwickelt, während Elex einfach nach wie vor Gothic ist. Tomb Raider ohne Titten.

Zu groß, zu schlecht im Detail

Für mich liegt der Hund unter anderem dort begraben, dass die Welt wieder einmal zu groß geworden ist. Piranha Bytes kann es einfach nicht lassen, mit ihrem 30-Mann-Studio eine Welt zu erschaffen, die sie nicht mit Leben füllen können. Bitte nicht falsch verstehen, dass hier ist kein Gothic 3 und es ist definitiv das beste Spiel der Entwickler, es ist nur leider so, dass Piranha Bytes irgendwie nicht zu verstehen scheint, das Größe nunmal nicht alles ist. Während die Spielwelt also wieder einmal gigantisch und laut Aussage der Entwickler sogar größer als die von Gothic 3 geworden ist, samt unterschiedlichen Gebieten und Klimazonen, hat sich am restlichen System eigentlich nichts verändert, zumindest nichts zum Guten. Das führt dann dazu, dass die Welt zwar liebevoll gestaltet ist, alles andere aber zurückstecken musste. Nur leider geht dieser Plan nicht auf, denn eine große Welt gleicht nicht automatisch sämtliche Schwächen des Spielsystems aus. Die Zeiten, in denen Open World noch etwas neues war, sind schlichtweg vorbei. Gothic konnte damals mit der offenen Welt und der enormen Sichtweite überzeugen, Dinge, die damals alles andere als üblich waren. Aber all das kennen wir inzwischen schon. Das Problem ist, dass Elex es nun mit der gleichen Masche versucht, nur eben mit dem Unterschied, dass das heute niemanden mehr beeindruckt.

Dark Souls für Arme

Was sich ebenfalls verschlechtert hat, ist zum Beispiel das Kampfsystem. Ganz klar, scheint auch bei Piranha Bytes der ein oder andere Dark Souls gespielt zu haben. Plötzlich soll mehr Taktik her, eine Ausweichrolle wurde integriert und doch fühlt sich all das nicht stimmig an. Es ist nicht taktisch wie ein Dark Souls. Nicht fordernd schwer, sondern unfair, weil ungeshcikt und hakelig. Piranha Bytes verschlechtert das Kampfsystem wieder einmal, welches nun so fummelig wirkt, als würde ich mit dem Gamepad eine virtuelle Marionette steuern und dabei jeden Faden einzeln bewegen müssen. Doch heraus kommt keine besonders genaue, weil feinfühlige Steuerung, sondern eine Bedienung, bei der sich alle Fäden der Marionette ineinander verwirren und ich am Ende dastehe und nicht begreife, wie ich das Kampfsystem eigentlich meistern soll. Es ist hölzern, trocken, alles andere als intutitiv, es nervt mich schon nach wenigen Stunden zu tode und es macht, so wie es ist, auch einfach keinen Sinn. Es ist beschissen, weil es unfair ist und es sich nicht meistern lässt. Willkür entscheidet darüber, ob ich den Kampf überlebe, irgendwo hängenbleibe, oder meine Attacke nicht zu Ende führen kann. Und wenn ein Kampfsystem nichts mit dem Können oder Geschick des Spielers zu tun hat, dann es ist nun einmal totaler Mist. Wie in Elex.

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Animation aus den 90ern

Da wären wir dann auch gleich schon bei den anderen Macken, denn Piranha Bytes scheint vollkommen immun gegen Kritik zu sein. Seit Gothic werden die Animationen bemängelt und seit Gothic hat sich hier quasi nichts großartig verändert. Natürlich sind die Animationen mit der Zeit besser geworden, aber schlechter konnten sie eben auch gar nicht mehr werden. In Zeiten, in denen bereits Half-Life 2 echte Mimik präsentierte und L.A. Noire das Ganze auf die Spitze trieb, wirkt Elex wiedereinmal wie ein Puppentheater in irgendeinem Hinterhof. Wie Puppen mit einem Stock im Arsch, um mal bei der derben Sprache der Entwickler zu bleiben. Dass ein Studio, welches mit kleinem Budget auskommen muss, keine perfekte Gesichtsmimik bieten kann oder möchte, verstehe ich natürlich sehr gut. Dass ein Studio seine Animationen aber einfach nicht verbessert, obwohl diese seit Jahren mit der größte Kritikpunkt sind, begreife ich nicht. Das Spiel leidet extrem darunter und jeglicher Dialog wirkt albern, weil Gesichter nun einmal vollkommen leblos sind. Ja, viel schlimmer noch als in Fallout 4 und mit Bethesdas Creation-Engine-Mutation. Einfach nur Grauenvoll! Dabei würden gerade bessere Animationen dafür sorgen, dass Elex einen großen Sprung nach vorne macht und viel an Lebendikeit gewinnen würde. So bleiben Gespräche wie ein Hörbuch, weil im Gesicht der Chraraktere nicht viel los ist. Jedes Gespräch wird noch einmal langweiliger, weil die Animationen so beschissen sind. Von den Kämpfen möchte ich gar nicht erst anfangen, denn die Bewegungen wirken abgestumpft und hözern, sind einfach nicht flüssig oder schön anzusehen.

Zu groß, zu schwach, zu platt

Elex ist für mich, trotz aller Kritik, ein gutes Spiel geworden. Ich mag Piranha Bytes, ich mag ihren Stil. Doch ich fasse es nicht, dass sie wiedereinmal an falscher Stelle gearbeitet haben. Sie sind wie Handwerker, die gefühlt alles machen, außer das kaputte Ding in meiner Küche zu reparieren. Die Animationen sind Müll, die Dialoge platter als jemals zuvor, die Charaktere leider auch, und das Kampfsystem ist ein einziger Klumpen von Frust. Dafür ist die Welt wirklich wunderschön. Da gibt es kleine Details, überall gilt es etwas zu entdecken und so weiter. Aber das Piranha Bytes schöne Welten erschaffen kann, wussten wir alle doch schon längst. Was Piranha Bytes nicht kann, ist mal einen Gang zurückzuschalten, um die Qualität anderer Bereiche endlich zu erhöhen oder auch nur auf den aktuellen Standard zu heben. Um Charakteren mal mehr Leben einzuhauchen, um Animationen mal geschmeidiger werden zu lassen, um das Kampfsystem mit dem nötigen Feintuning zu versehen. Was bringt mir die größte Spielwelt, wenn alle anderen Systeme weder Zeitgemäß, noch in irgendeiner Weise innovativ sind. Elex ist etwas für diejenigen, die Spiele von Piranha Bytes schon immer gespielt haben, selbst wenn sie so schlecht waren wie die Risen Trilogie. Jeder der auch nur entfernt moderne Rollenspiele gewöhnt ist, wird sich dagegen eher schwer tun. Das Abtauchen in die Welt von Elex kann nämlich nur dann gelingen, wenn der Spieler als vollkommener Ignorant über all die Macken hinwegsieht. Und das können nun einmal nur Fanboys wie ich. Denn objektiv betrachtet ist Elex an vielen Stellen nicht rund, an einigen sogar kaputt. Schade, denn ich dachte wirklich mit Elex hätten sie es begriffen. Haben sie aber nicht. Das ist immer noch Gothic, mit all seinen Bugs und Mängeln.


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